Heimatgefuehle….
17 06 2010Romang, Pronvinz Santa Fe
Nach Cordoba nomadisiere ich weiter nach Santa Fe (= heiliger Glaube; wie passend zu mir 😮 ).Mir scheint, ich seie am Ende der Welt gelandet…Ich habe ja schon einige Kaeffer in der Pampa gesehen; gottverlassen im Niemandsland. Nicht das Romang dreckig oder heruntergekommen waere…Nichtsdestotrotz funktioniert mein Natel hier nicht mehr und ich bin nun seit gut 3 Wochen hier festgefahren. Nie bin ich irgendwie weggekommen in die naechste grosse Stadt (Reconquista liegt etwa 60km nordwaerts) oder in ein anderes Dorf.
Es scheint fast so, dass man in Romang den Loeffel entgegen aber auch wieder abgibt.
Und das obwohl Romang so viele ausgewanderte Schweizer beherbergt wie sonst nirgends. Die Schweizer Kolonie wurde vor gut 100 Jahren gegruendet von einem eingewanderten Schweizer (nääää, isch ja logisch oder?). Man geht stark davon aus, dass der Gruender auf der Ueberfahrt hierher einen Mann mit dem Nachnamen „Romang“ (wahrschinlich en Russ (fuer Ziviliste und Zivildienstler: en Welsche)) abgemurktst und stinkfrech dessen Identitaet angenommen hat. Lässigi Wildweststory oder? 😉
Romang hat mit seinen 9000 Einwohner (fuer argentinische Verhaeltnisse unbedeutend) wenig zu bieten; mal abgesehen vom Paraná und dessen tausende von Inseln, Suempfe, Fische, Krebse, Wasservoegel usw. Bei Gelegenheit muss ich unbedingt mal mit dem Kanu los…Nachtleben läuft nicht viel, als Gringo falle ich hier auch nicht mehr soo auf. Auch das WM-Fieber scheint hier die meisten kalt zu lassen…aergerlich…
Die Leute hier sind anders als in Cordoba. Man merkt den europäischen Einfluss. Die Leute sind distanzierten, weniger humorvoll, saufen moeglicherweise weniger, und betonieren nicht alle Lebensmittel mit Zucker zu =)
Auch die Frauen sind weniger schoen hier, auch wenn das vllt Geschmackssache sein mag.
Und jetzt die berechtigte Preisfrage: „Was zum Geier verschlaegt dich dann hierher?“
Tja….Arbeit („Was Arbet?….“ – Jetzt spinnter aber endgueltig)
Und das isch soooooooooooo geil! Richtig waehrschafte Bauten, nach alter schweizer Zimmererskunst (also noed de scheiss Blechli-Verbinder Schrott). Und das bei einem richtig gemuetlichen Arbeitsklima. Fuer noed Baufachidiote: In der Schweiz gibt es durchaus noch Konstruktionen nach alter Bauweise (das heisst mit traditionellen Holzverbindungen), jedoch haben diese leider allzuoft einer modernen Bauweise Platz machen muessen. Die Gruende dafuer liegen einzig und allein in „Geiz ist Geil“. (und das outet sich denn ebe mit so Kackblech wo Hoelzer verbindet, will eine wo die nach alter Art usschafft eifach viel laenger haet und somit tuerer isch).
Neubauten, die ich hier erledige, wuerden in der Schweiz von grossen, spezialisierten Baufirmen erledigt (natuerlich auch nach the billiger the better^^), die kleine Firma hat da keine Chance und muss auf weniger laessige Arbeiten wie Innenausbau und Umbau ausweichen (was einfach nicht den gleichen Spassfaktor hat).
Dazu kommt, das man hier einfach noch Zeit hat (keine andauernde Zitate wie „Jetzt, sinder gopfertammi immer nonig fertig!“ – „Chum mach vorwaerts, Stift!!“ – „Ihr sind scho huere Vollidiote!“ – „Du bisch e Belastig fuer eusi Firma!“ -„Hey, das rentiert scho lang nueme!“ – „Ich schlahn eu z’tot!“ . Spruecherepertoire von Chefs wie Herr S aus W; Leider isch das relativ verbreitet. A dere Stell mal e dicks Lob a mini „Zweitfirma“ Arbos us Dinhard, wo ganz und gar noed so igstellt isch).
In einer légèren, kollegialen Umgebung kann ich hier Abbinden (=Hoelzer usschaffe), Aufrichten (=Montieren) und mit meinem Einsatz auch ein wenig in die Planung und Gestaltung eingreifen. DAS ISCH EIFACH GEIL!
Nun wie komme ich dazu? Mein Freund Gastón (den ich ufem „Abeweg“ id Pampa kennengelernt habe), Argentinier mit Schweizer Vergangenheit ist extra fuer die Ausbildung in die Schweiz zurueckgekehrt und hat dort die Zimmermannsausbildung genossen. Er ist einer dieser beneidenswerten *hust* Individuuen die das Privileg *kraechz* hatten in Romang aufzuwachsen. Vor ein paar Jahren ist er mit seiner Familie (seine Frau Silvia ist aus Kloten 😀 ) hierher zurueckgekehrt und hat nach Schweizer Vorbild angefangen zu zimmern. Besonders toll fuer mich ist, dass wir vom gleichen reden (Teilweise herrschen auf dem „argentinischen“ Bau hartnaeckige Mythen, manchmal wenn ich mit argentinischen Zimmerern rede schauen sie mich nur fragend an…) und von der Ausbildung her auch sehr aehnlich arbeiten.
Gastón: Hat Doppelmeter (Hultafors: Schwedische Topqualitaet) und Bleistift immer auf Mann, misst 1 mal und arbeitet aus.
Argentinischer Zimmermann: Will schnell etwas messen, sucht das Massband (natuerlich „Made in China“), sieht es auf der Mauerkrone liegen und schickt den Stift es zu holen, der dann rueberbalanciert. Man misst lieber 3 mal, weil man sicher sein moechte und laessts dann doch laenger/ abschneiden kann mans ja immer noch. (Anm. der Red.: „Aua!“)
Gastón: Arbeitet nur mit guten bis Topmaschinen.Die Qualitaet seiner Arbeit laesst nichts zu wuenschen uebrig.
AZ: Arbeitet mit Billigteilern. Die Bohrmaschine kackt nach 2 Loechern ab, er darf sie dann auseinandernehmen und nachschauen warum sie nicht mehr funktioniert. Findet das Leck und erinnert sich, dass er eine alte Bohrmaschine (die nicht mehr funzt) hat, demontiert das Teil und setzt es ein. Die Bohrmaschine tut nun (kei Ahnig wie lang) wieder.
Fairerweise muss man sagen, dass der A ein absolutes Ass in Improvisation ist, und auch Kenntnisse in fachfremder Kunde hat. Sachen die nicht so sind, wie sie sein sollten, werfen in nicht so leicht aus der Bahn.
Arbeitsfazit: Impro- Qualitaet. Benoetigt fuer 2 Loecher einen Vormittag (inkl. Einfuehrung in Elektrotechnik 😉 )
ein sogenannter liegender Binder mit bauriger Temporärlast
Die Pfosten unserer Konstruktionen sind aus Quebracho colorado, ein Holz das sehr resistent und sackschwer ist. Gemaess Internet wiegt ein Kubikmeter dieses Holzes zwischen 1200 und
1500kg; das heisst zwischen 3x und 4x so schwer wie Fichte (welches bei uns DAS Konstruktionsholz ist). Ein Rundholzpfosten Quebracho wiegt gegen 100kg. Wir hatten somit sehr viel Spass beim Aufrichten und Schiften 😉 . Unterbrochen wird die erfuellende Arbeit, mit Matepausen, der hier nature (also bitter) im Gegensatz zum (ueber)suessen Cordoba- Mate getrunken wird.
Wohnen tue ich bei Gastóns Familie. In Romang esse ich das beste Brot argentinien-weit. Silvia, mit der ich meistens Schwizerduetsch rede, steht jeweils um 5 Uhr auf um Brot in verschiedenen Geschmacksrichtungen zu backen. Leider verkauft sie das meisste :D. Schon komisch; wir beide lachen, weil wir viele Worte in Spanisch wissen, deren Uebersetzung auf Deutsch aber schon vergessen haben. Die beiden Soehne der Famile (8 und 10 Jahre), die voller Energie und nicht immer einfach auszuhalten sind, komplettieren die Crew. Manchmal trainiere ich mit dem Juengeren das Einmaleins und die Uhrzeit. (Auf sehr aehnliche Art und Weise wie meine Eltern mir dies beigebracht haben)
Wenn ich dann in einem Haushalt in Romang einen Brief mit dem „Schweizer Eidgenossenschaft“ inklusive rotem Kreuzlein sehe; kommen bei mir definitiv ein Heimatsgefuehle auf.
Desweiteren hat die Schweiz ja heute gespielt. Somit haben wir nur bis um 1100 gearbeitet und sind dann zur Mutter Gastóns (die Gastonsche Familie besitzt keinen Fernseher, was ich ausserhalb der WM zu schaetzen wissen wuerde….hmpf). Alleine (min Compañero muss noch an eine Beerdigung) sitze ich vor dem Fernseher, denke an die Schweiz und sehe meinen Vater leibhaft vor mir, wie er selber vor dem Fernseher sitzt und Schweizer Paesse und Schiri- Fehlentscheidungen kommentiert. Tausende von Kilometern entfernt verfolge ich gebannt das gleiche Spiel; allein, ohne äusserliche WM- Stimmung. Nicht das, was ich mir von einem Fussball-Geilen Land wie Argentinien vorgestellt haette….Romang halt…Ich bange mit diesen Pfeifen im Mittelfeld die zeitweise mehr zusammenwurschteln als ich bei meiner Physik-Matur. Wenn DAS nur gut geht! „Hey Jungs relaxed chli“ denke ich verzweifelt.
Nach dem Zmittagessen und der Pause dann die Überraschung. Pfanne fuerd Schwiiiz! Und der Embole (Bola = Ball oder Hoden => Aergernis). Das Bild oder der Satellitenempfang faengt an zu stocken, ich sehe nur noch Standbilder, dann wieder ein wenig Bewegung und Standbild….die Kommentatoren (die eher Spanierloyal schnorren) hoere ich, das Bild bleibt. Manchmal bis zu 4 Minuten. Ja Bravo…Romang die High-Tech Metropole. Wieder Standbild…. Hoere wie die Spanier angreifen… Die beiden Zappelphilipe (welche inzwischen auch zur Grosi gekommen sind), die andauernd rumtollen, schaukeln und rumschreien bremsen meine Nervositaet auch nicht wirklich. Zuletzt ist es dann ausgestanden, von manchen Leuten erhalte ich Gratulationen zum Sieg.
So. Das ischs wieder vo mir!
Zrugg zum Beat Hüppi (Oh ich vermisse die Moderatore so….die vo da quatsched die ganz Zit nur Schrott, nachem Schwizerspiel redets ueber Nigeria- Argentinie, kei Wiederholige usw…man glaubt es kaum.)
Ciao mia Patria 😉
Diego
(und nei, ich bi weg dem no lang kein Patriot worde)
Hola Diego es ist schön das du doch noch einwenig „Heimatgefühle“ hast, und ich hoffe,dass du den Schweizern trotzdem die Daumen drückst, auch wenn du soweit von deiner Heimat bist.?
Grosi